Rubrik:  Fuchsschwanz des Tages

Bang, bang, my baby shot me down

Foto: Seattle Municipal Archives http://www.flickr.com/photos/seattlemunicipalarchives/, http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de

Seit ich 15 Jahre alt war, sehen ich und andere Zeitgenossen meines Alters sich regelmäßig mit dem Vorwurf konfrontiert, Counter-Strike und Gangsta-Rap seien Schuld an allem Übel dieser Welt. Also jetzt nicht unbedingt an der Flughafen-Causa, dem Texas Nationalist Movement und Sonja Zietlow, zumindest aber an der Verrohung der Jugend hin zu einem gewaltliebenden Mob, der Rentner auf dem Bahnhof hinterrücks umgrätscht und  dem kleinen Dustin/ Steven/ Kevin auf dem Schulhof regelmäßig die zwei Pausen-Cheeseburger aus der Brotdose abzieht. 

Die meisten meiner ehemaligen Clan- und Gang-Mitglieder sind mittlerweile berufstätige Akademiker oder zumindest vom Crack runter. Und so scheint es, als wenn es weitere Einflussfaktoren gäbe, die bestimmen, in welcher Höhe ein Jugendlicher seine sozialen Hemmschwellen ablegt. *DING DING DING*: Hallooho Erziehung und Bildung, ihr uncoolen, armen Säue. Ob die Diskussion in der deutschen Medien- und Politiklandschaft heute nur immer wieder aufkommt, weil die Menschen früher eben dezenter und mit weniger medialer Aufmerksamkeit gequält und getötet wurden, oder weil diese Gesellschaft Gewalt aufgrund ihrer einzigartig-schrecklichen Vergangenheit fürchtet, sei einmal dahin gestellt. Sicher ist jedoch: Wir hätten uns diese Diskussion sparen können, würden wir seit jeher eine so offenherzige Waffenkultur leben und pflegen wie die Vereinigten Staaten von Amerika.

Klar, wenn jeder Hillbilly landesweit gleichermaßen Kinder bekommen UND Waffen besitzen darf, kommt es hin und wieder zu kleineren Unfällen und Amokläufen. Deshalb wurde schließlich heute zumindest im Bundesstaat New York ein neues Waffengesetz auf den Weg gebracht. Dass die Formulierungen “auf den Weg bringen” und “am Ziel sein” nicht das Gleiche bedeuten, wissen die charmant-entspannten Lobbyisten unter uns natürlich auch. Denn, um es mit den Worten des ehemaligen Verantwortlichen für Public Relations der NRA , Charlton Heston, zu sagen (frei zitiert): “Rumballern ist geil und kostet ordentlich Asche!” Daher hat wiederum die NRA in ihrer Rolle als dauerhafte Public Relations-Verantwortliche der Schusswaffenindustrie gestern ihren neuen First-Person-Shooter für mobile Apple-Geräte veröffentlicht.

Soweit ist das natürlich nichts Besonderes. Allein die Tatsache, dass Apple, die immerhin Schuld daran sind, dass mein Freund Manni der Zementmischer morgens das Seite1-Girl in der BILD-App nicht mehr “betrachten” darf, dieses Spiel im App-Store für Kinder ab vier Jahren freigegeben hat, macht stutzig. Die Begründung: Im Spiel werde ausschließlich auf non-human targets geschossen. Also so ähnlich wie Spitz pass auf! Es handelt sich demnach um einen kostenlosen virtuellen Übungsplatz für Handfeuerwaffen. Maschinengewehre und Rifles können gegen ein geringes Entgelt “InApp” gekauft werden. Und so können alle Kinder und Waffenfreunde von 4 bis 99 ab jetzt auch in der U-Bahn trainieren, bevor sie mit Vati am Sonntag ein paar zuvor von Vati allein “gekillte” Dosen Bud Light im Garten umnieten. Biertrinken ist nämlich solange der Teufel, bis ihr kleinen Racker 21 seid, schon seit fünf Jahren Auto fahrt und seit 17 Jahren schießen könnt wie Wyatt Earp.

Und so muss ich mich erstmals über einen Ego-Shooter als Stellvertreter für den gesellschaftlich selbstverständlichen Umgang mit Waffen aufregen. Soweit ist es gekommen. Ich bin so sauer, dass ich mich jetzt Haftbefehl-hörend mit meinem Scharfschützengewehr am Dachbodenfenster postiere und jeden, der unaufgefordert mein Grundstück betritt, über den Haufen schieße.


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