Rubrik:  Fuchsschwanz des Tages

Ich teile gerne, aber nicht mit Dir

Foto: digitalegesellschaft.de

In Hannover ist mal wieder Cebit-Zeit. Bereits gestern durfte die Kanzlerin “traditionell” die Messe eröffnen und bekam zur Feier des Tages ihr erstes Smartphone. Nachdem man sie anschließend schon mit Mc Fitti an der Frittenbude sah und sie den Premier des diesjährigen Partnerlandes Polen euphorisch mit “Digi Digi oh yeah!” begrüßte, verging ihr die gute Laune so gleich wieder. Das eben geschossene Backstage-Foto in Gangster-Pose kann sie nämlich gar nicht so einfach mit Horst, Patrick und Wolle teilen – ihr neues Spielzeug ist ein Hochsicherheits-Handy und daher nach außen abgeschirmt. Macht natürlich Sinn für die Kanzlerin, passt aber mal so gar nicht zum Leitthema der Messe in diesem Jahr: Shareconomy. “Es beschreibt das Prinzip des Teilens und gemeinsamen Nutzens sowohl von Wissen, Kompetenzen und Kontakten als auch von Dokumenten, Infrastrukturen, Produkten und Dienstleistungen.”, schreibt die Cebit.

Ok, es wäre nicht im Sinne aller, wenn jeder freien Zugang zu Merkels facebook-Chats hätte, aber trotzdem ist dieser Gegensatz eine viel zu schöne Metapher für die Bundestags-Entscheidung vom letzten Freitag, um ihn nicht als Einstieg zu nutzen. Am Freitag haben Merkel und Freunde das neue Leistungsschutzrecht abgenickt und im Internet chronisches Kopfschütteln ausgelöst.

Jetzt könnte man den Kopfschüttlern entgegnen, dass “diese Netzaktivisten” ja immer etwas zu meckern haben. Einfach den Protest gegen das Leistungsschutzrecht in einen Topf mit Acta, Zensursula und Vodafail schmeißen und draufhauen. Beim Leistungsschutzrecht geht es dieses Mal aber nicht um Werte- oder Moralvorstellungen und auch das Abwiegen von Pro- und Contra fällt schwer – ein Pro gibt es nämlich gar nicht. Selten hat der Bundestag eine Entscheidung auf solch einer Basis getroffen. Selten war eine Entscheidung so von Interessen geleitet. Und selten habe ich diese Interessen so wenig verstehenden.

Die Idee des Leistungsschutzrecht war es, die Übernahme kurzer Textpassagen kostenpflichtig lizensieren zu lassen. Bedeutet: Google, Reddit und Co müssen Bild und Spiegel Geld überweisen, damit sie Links mit Beschreibungen aufführen dürfen. Das ist schon sehr blöd! Kurz vor der Abstimmung im Bundestag wurde das Gesetz dann nochmals leicht geändert. In der neuesten Fassung fallen “einzelne Wörter oder kleinste Textaussagen, wie Schlagzeilen,” nicht mehr unter das Gesetz. Entweder ist das Gesetz jetzt nicht mehr nur blöd sondern durch schwammige Formulierungen nun auch noch unbrauchbar oder die Änderung war ein Ablenkungsmanöver und alles bleibt beim alten, wie übrigens mit Stefan Niggemeier sowohl einer der größten Gegner als auch der größte Fürsprecher, der Springer-Chef-Lobbyist Christoph Keese, glauben.

Ob das Gesetz nun nutzlos und blöd oder nur blöd ist, es bleiben für mich die Fragen, warum 293 Abgeordnete bei der Entscheidung für Ja stimmten. Vor allem aber, warum einige Verlage ernsthaft glauben, dass auf den Freitod die Wiedergeburt folgt. Die Abgeordneten werden es vermutlich einfach nicht besser gewusst haben. Gegen Google und gegen Facebook und alle gemeinsam gegen Diskriminierung – macht Sinn! Aber die Verlage? Ich finde keine Antwort. In drei Verlagshäusern habe ich bisher gearbeitet. Im kleinsten sind wir feiern gegangen als der “große BVB” gegen den kleinen Provinzverein spielte und unser Bericht endlich bei Google-News angezeigt wurde. Beim größten habe ich Google-Suchanfragen analysiert und daraus Wörterlisten erstellt, die eine Agentur gemeinsam mit einigen Scheinen zur Suchmaschinenoptimierung erhielt. Beim mittleren wurde ich zum Synonyme-Fetischisten und versuchte so viele unterschiedliche Wörter mit gleichen Bedeutungen in Bildunterschriften zu quetschen wie möglich. Die Rechnung war bei allen drei Arbeitgebern gleich: Mehr Treffer bei Google –> Mehr Klicks auf der eigenen Seite –> Mehr Werbeeinnahmen.

Wird nun also versucht, Google am “Linkklau” zu hindern bzw. Geld dafür zu verlangen, ist das in etwa so als würde die Autoindustrie dafür plädieren am Benzinverkauf der Tankstellen beteiligt zu werden. Genügend Verleger wissen das selbst und weisen darauf hin, dass sie nicht zur Burda/Springer-Koalition gehören. Die anderen werde ich wohl nie verstehen. Mir bleibt nur das Kopfschütteln. Für Abgeordnete hätte es bei Unwissenheit immerhin die Enthaltung als Option gegeben. In Regierungskreisen hatte man sich aber wohl schon zu sehr auf die neuen abgeschirmten Smartphones gefreut: Teilen ist super, aber der Empfang war einfach so schlecht.


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