Rubrik:  Fuchsschwanz des Tages

Oh Nein! Es gibt gar keine Hipster

Dockville 2012

Foto: Zucker & Plastik

Jutebeutel, Röhrenjeans, Bartkultur, Hornbrille oder Wayfarer. Letztere wenn es sein muss in blau von Gauloises beim Melt-Festival bekommen, besser aber diese in light tortoise. Die Beschreibung eines Hipsters befasst sich oberflächlich immer erst mit dem äußeren Erscheinungsbild. Wenn das aber stimmt, dann feiert meine Oma mit ihren Turnschwestern jede Woche vor Fleischer Janßen aufm Wochenmarkt eine riesige Hipsterparty. Die Fleischwurst ohne Knofi im Beutel, -5 Dioptrien auf der Nase und Onkel Gert hat sich wieder vergessen zu rasieren. Was ich sagen will? Es gibt gar keine Hipster!

Es gab sie mal. Damals um 1940 entwickelte sich eine echte Subkultur. Gehör fand sie musikalisch im Bebop und literarisch in den Texten der Beatgeneration. Hipster waren die Nichtangepassten und ihre Gegenspieler (hipper wäre wohl Antagonist) waren die squares, die Spießbürger. Es waren Menschen, die  vor der Uniformität des Alltags zu fliehen versuchten. Diese Flucht, am populärsten beschrieben in Jack Kerouacs “Unterwegs”, war dabei auch immer eine Suche nach “etwas”,  gelockt von dem lauten Ruf der Freiheit irgendwo aus dem weiten Westen Amerikas. Ich will es nicht romantisieren, aber es hat sie eben gegeben und durch ihr kulturelles Schaffen haben sie auch etwas für die Nachwelt hinterlassen. Vielleicht nicht das, was Norman Mailer für möglich hielt, aber trotzdem. Mailer schrieb: “Hipp may erupt as a psychically armed rebellion whose sexual impetus may rebound against the anti-sexual foundation of every organized power in America, and bring into the air such animosities, antipathies, and new conflicts of interest that the mean empty hypocrisies of mass conformity will no longer work.”

Aber gut, kommen wir zurück zu den Hipstern im Hier und Jetzt. Zurück zur Revolution in Jutebeuteln. Alleine das die Hipster des 21. Jahrhunderts einen eigenen Wikipedia-Artikel haben, belegt es: Es gibt sie gar nicht. Es ist dieser Mainstream der Minderheiten. Oder kennt ihr jemand, der sich selbst als Hipster bezeichnet? Will ja auch gar keiner sein – sind ja schon alle, ne. Hipster ist eine Beschreibung für Menschen. Vielleicht insbesondere für Menschen mit oben genannten Accessoires. Es sind Menschen, die möglicherweise besonderen Wert auf ihre Kleidung legen, vorgeben so etwas wie einen Musikgeschmack zu haben oder das Bier mal ganz unspießig nicht aus dem Glas sondern aus der Flasche trinken. Mag ja sein. Machen wir aber alle mal, oder? Und genau deshalb sind Hipster eben keine Subkultur. Es steht für nichts und es entsteht daraus auch nichts. Kein zweites Nirvana aus einer kleinen Gruppe Langhaariger in Seattle, keine farbige Weltanschauung wie auf dem Hügel in Paris und eben auch kein kulturelles Erbe, wie das der Hipster aus dem 20. Jahrhundert.

Ist ja auch gar nicht schlimm, aber muss mal gesagt werden. Fleischer Janßen tut dies vermutlich mit den Worten: “Könnt’ euch gehackt legen!” Meine Oma eher: “Einen schönen Büdel haben Sie da.” Ich sage: Macht was ihr wollt! Ist mir egal! Aber bitte nervt mich alle nicht mit diesem Hipstertum, ihr Menschen!


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